Sieg über Kriegswunden

Friedensoase für traumatisierte syrische Kinder

Es fing an, als Layla ihren Vater verlor. Von einem auf den anderen Tag kehrte er nicht mehr heim. Alltag in Syrien. „Manche erzählten, er sei getötet worden. Andere sagten, er sei im Gefängnis“, erzählt ihre Mutter. Von dem Tag an hörte Layla auf, mit Menschen zu sprechen.

Die Familie überlebte Bomben und Raketen in Syrien, immer in der Hoffnung, dass der Vater eines Tages zurückkehren würde. Dann aber wurde die Gefahr zu groß. „Ich sah fünf Männer direkt vor meinen Augen sterben.“ Da verließen sie ihre Heimat. Nach einer langen und gefährlichen Flucht erreichte die Familie das jordanische Flüchtlingslager Za’atari, kurz hinter der syrischen Grenze. 80.000 Menschen leben hier in Zelten und Containern in einer improvisierten Stadt.

Viele haben in der Heimat alles zurückgelassen, aber von Krieg und Flucht Verletzungen davongetragen, wie Layla. Psychische Probleme von Kindern sind keine Seltenheit, wissen die Mitarbeitenden des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Za’atari: „Wir haben Kinder mit Depressionen, andere sind aggressiv oder haben Essstörungen.“

 

Kinder in Za’atari. Foto: DNK/LWB, F. Hübner

 

Jugendzentrum in Za’atari

Dem setzt der LWB ein spezielles Angebot in Za’atari entgegen: Ein Jugendzentrum bestehend aus neun Containern, einem Sportfeld und einem Gartenbereich. Die Kinder haben es Friedensoase getauft. Zurzeit können hier rund 300 Kinder oder Jugendliche parallel pädagogische Angebote des LWB wahrnehmen.

Vor allem geht es um Gemeinschaft miteinander, was sich einfacher anhört, als es ist: Viele Kinder sind im Krieg aufgewachsen und haben nie gelernt, Meinungsverschiedenheiten zu tolerieren oder Konflikte friedlich auszutragen. Ein normaler Umgang muss erst geübt werden. Wie Layla haben zudem viele Flüchtlingskinder Erfahrungen gemacht, die sie nicht verarbeiten konnten die und auch die Eltern überfordert haben. Sport, psychologische Begleitung und Kreativangebote sind daher wichtige Methoden, um die traumatisierten Kinder zu erreichen und ihnen zu helfen.

 

Handwerkszeug: In der Friedensoase lernen Jugendliche Berufsfertigkeiten, z. B. eine komplizierte Rasurtechnik. Foto: DNK/LWB, F. Hübner

 

Fertigkeiten erlernen

In der „Bibliothek“, einem der Container der Friedensoase, liegt der Schwerpunkt etwas anders. Hier geben Flüchtlinge anderen Jugendlichen Hausaufgabenhilfe. In Kursen werden Computerkenntnisse vermittelt oder Berufsfertigkeiten von Friseuren oder Schneidern vermittelt. Das soll die Chancen verbessern, dass die Jugendlichen einen Job finden können – im Lager, aber auch nach dem Krieg. „Wir wollen verhindern, dass eine Generation ohne Chancen in Za’atari heranwächst“, betonen die LWB-Mitarbeitenden.

Die Friedensoase wird von den Lagerbewohnern sehr geschätzt. Immer mehr Menschen nehmen an den Angeboten für Erwachsene teil: Selbsthilfegruppen für Frauen oder Kursen, wie Eltern mit traumatisierten Kinder umgehen können. Diese Arbeit soll ausgebaut werden. Aus der Friedensoase soll ein Gemeinschaftszentrum werden. Denn Gemeinschaft kann Wunden heilen, die durch Krieg und Unfriede entstanden sind.

Layla hat an den LWB-Angeboten teilgenommen und die Kraft der Friedensoase erfahren. Sie spricht wieder und lebt auf. Manchmal stellt sie sich vor, wie andere Kinder leben, die nicht als Flüchtlinge aufwachsen. „Diese Kinder leben in guten Bedingungen. Aber das taten wir vor dem Krieg auch“, sagt sie. „Wir hatten ein glückliches Leben. Wir waren wie sie!“

 

Der LWB in Jordanien

  • Über 10.000 Menschen sollen die Friedensoase jährlich nutzen, wenn sie zum Gemeindezentrum erweitert wird. Dafür werden rund eine halbe Million Euro benötigt.
  • Für die Erweiterung sollen drei neue Container angeschafft und ein Spielplatz angelegt werden. Die Gesamtfläche soll auf über 1.000 Quadratmeter anwachsen.
  • Seit 2012 arbeitet der LWB in Jordanien – im Lager Za’atari, aber auch außerhalb. Dort unterstützt er Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen: Unterkunft, Lebensmittel, Bildung.