Ökologische Nachhaltigkeit durch religiöse Bildung

Schülerinnen und Schüler einer Schule im Westjordanland nehmen an einem Workshop über umweltbewusste Führungsverantwortung teil. Foto: Adrainne Gray

Interdisziplinärer Ansatz beim Unterrichten von Umweltthemen

BERGEN, Norwegen/GENF (LWI) – Was verbindet Theologinnen und Theologen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, religiöse Führungspersonen, Pädagogik-Fachleute und Klimaaktivistinnen und -aktivisten beim Thema religiöse und staatliche Bildung? Sie alle spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die heutige Generation zuzurüsten, Wege hin zu einer nachhaltigen Lebensweise zu finden. Das erfordert interdisziplinäre und interreligiöse Zusammenarbeit.

Mehr als 130 Fachleute auf verschiedenen Gebieten, darunter auch Vertreterinnen und Vertreter des Lutherischen Weltbundes (LWB) und Studierende sind jüngst in Bergen (Norwegen) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Westnorwegen zu einer Konferenz über die Themen Nachhaltigkeit und Klima im religiösen Kontext zusammengekommen, um sich über ihr gemeinsames Anliegen auszutauschen. Die Konferenzteilnehmenden wollten herauszufinden, wie ein interdisziplinärer Dialog zwischen Ökotheologie und den Nachhaltigkeitsdebatten gemeinsame Konzepte zur Förderung von ökologischem Bewusstsein durch Bildung fördern könnte.

Organisiert wurde die Konferenz von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Westnorwegen, der Norwegischen Kirche und dem norwegischen Rat der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften (Samarbeidsrådet for tros og livssynssamfunn) in Zusammenarbeit mit dem LWB und dem Ökumenischen Institut für Theologie Al Mowafaqa in Marokko. Der LWB wurde bei der Konferenz von Programmreferent Pfr. Dr. Chad Rimmer und Dr. Mary Joy Philip, Professorin für lutherische Theologie und Mission weltweit am Martin Luther University College in Kanada, vertreten.

Nachhaltigkeit beeinflusst Lehrmethoden

Rimmer sprach in seiner Präsentation über die Verbindungen zwischen Nachhaltigkeit und theologischer Anthropologie und welchen Einfluss diese auf Lehrmethoden hätten. „Eine der Grundursachen für die aktuelle ökologische Krise ist, dass uns über viele Generationen aus einem anthropozentrischen Blickwinkel beigebracht wurde, was es bedeutet, Mensch zu sein. Zerstörerische Darstellungen von der Macht, der Politik und des Wirtschaftsdenkens der Menschen haben die Bildung der Menschen geprägt und uns entfremdet von unserer eigentlichen elementaren Identität als Teil der ganzen Erdgemeinschaft.“

Während die Veränderungen für einen nachhaltigeren Lebensstil insgesamt eine Vielzahl von technischen, wirtschaftlichen und politischen Lösungen erfordern, ist auch ein Bewusstseinswandel und eine Veränderung der Werte vonnöten. Rimmer erklärte, „Religionspädagoginnen und -pädagogen kommt eine wichtige Rolle zu, bei den jungen Menschen ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass sie Geschöpfe sind, deren oberste Berufung es ist, auf kreative und innovative Art und Weise für die Bewahrung der gesamten Schöpfung zu sorgen, um dieses Geschenk des Lebens so zu erhalten, wie Gott es gewollt hat.“

Weiter sagte er: „Für unser Verständnis davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, ist unsere Generation der Scheitelpunkt der ökologischen Zeitenwenden. Ich nenne es eine Wende, tatsächlich aber ist eigentlich eher eine Rückkehr zu der biozentrischen Definition des Menschseins, die schon immer Teil des Weltbildes in Christentum, Buddhismus, Judentum, Islam, Sikhismus, indigenen Traditionen und anderen gewesen ist.“

„Wir brauchen neue Narrative über die Erde“

Mary Joy Philip sprach darüber, wie wichtig es sei, jenen Stimmen einen Raum zu geben, die in den öffentlichen Debatten über Nachhaltigkeit oftmals nicht gehört werden. Insbesondere betonte sie den Blickwinkel, den Frauen als Sammlerinnen und Erzählerinnen von Geschichten einbringen, die uns daran erinnern, „wer wir sind, und dass wir aufgerufen sind, eine lebenspendende Gemeinschaft zu erhalten und zu bewahren“. Sie sagte: „Wir brauchen ganz dringend neue Narrative, die aus einem Bewusstsein für unsere Mutter Erde entstehen, aus einem beziehungsorientieren und gelebten Verständnis von uns selbst in unserem Verhältnis zur Mutter Erden; wir brauchen neue Narrative über die Erde und unsere Verflechtung und Verbundenheit mit unserem Planeten.“

Als Beispiele dafür, wie Kindern das Gefühl vermittelt werden kann, dass sie Teil der Erde als Ganzes sind und im Glauben Verantwortung für andere Geschöpfe und die Bewahrung des Planeten tragen, hat Rimmer auf verschiedenen christliche, jüdische, islamische und interreligiöse Programme in der ganzen Welt hingewiesen, die religiöse Bildung einbetten in die jeweils lokale Umwelt. „Eine religiöse Bildung mit Bezug zum jeweiligen Ort, an dem die Kinder leben, kann ein ökologisch positives Selbstverständnis fördern, dass Kindern helfen kann, angesichts der vielen wirtschaftlichen und politischen Narrative über grenzenloses Wachstum und Nationalismus, die Gottes geliebtes Netz des Lebens zerstören, Resilienz aufzubauen.“

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Auch islamische Rechtsgelehrte, indigene Sami-Gemeinschaften, die Norwegische Kirche, gläubige Buddhistinnen und Buddhisten und Lehrende an öffentlichen Schulen sprachen über ihre Sichtweisen in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit. Die Bürgermeisterin von Bergen, Marte Mjøs Persen, präsentierte die Initiativen der Stadt für nachhaltige Energiegewinnung.

Die verschiedenen Vorträge der Konferenz sollen im Laufe des Jahres zusammen in einem Buch veröffentlicht werden. Rimmer hofft, dass dieses Buch „Menschen des Glaubens anregen wird, die Schnittstellen zwischen Ökotheologie und Nachhaltigkeitsagenda zu erkunden und fantasievolle und glaubensorientierte Lösungen für die Bewahrung der Schöpfung und das Wohlergehen aller Geschöpfe zu finden.“