Gemüse aus der Wüste

Ernten bei 50 Grad

Die Wüste fruchtbar zu machen – ein Traum seit Jahrhunderten. In Mauretanien haben es Flüchtlinge aus Mali geschafft – mit Hilfe des Lutherischen Weltbundes (LWB).

Ali agd Forach ist 52 Jahre alt. Stolz zeigt er im roten Wüstensand seine grünen Pflanzen. Das Gesicht verhüllt aus Schutz vor dem Sand. Seit 2012 lebt er nun im mauretanischen Flüchtlingslager Mberra – mitten in der Wüste. „Als ich hier ankam, gab es nichts“, erinnert sich Forach. „Von hier bis zum Horizont sah man nichts als Hügel aus Sand.“

Heute beginnt nicht weit hinter dem Feld die viertgrößte Stadt Mauretaniens: das Flüchtlingslager Mberra. Über 50.000 Menschen – geflohen vor dem Bürgerkrieg in Mali – leben hier mitten in der Wüste. Heiße Winde, Sandstürme und Temperaturen bis zu 50 Grad bieten weder für Menschen noch für Gemüse optimale Bedingungen.

So war es auch nicht einfach, Menschen vom Gemüseanbau zu überzeugen. Aber Lebensmittel sind im Lager knapp, weil das Welternährungsprogramm chronisch unterfinanziert ist. Im Jahr 2017 mussten die Menschen im Lager deswegen jeden Monat mit reduzierten Rationen auskommen. Nicht einen Monat erhielten sie die volle Ration von 2.100 Kalorien pro Tag.

Vielleicht konnte der LWB deswegen doch zum Anfang 200 Leute für sein Gemüseprojekt gewinnen. In einem Kurs lernten sie, wie man sich auf die Wüste einstellen kann: Wie man mit Anzuchtbeeten kleine Setzlinge ziehen kann, wann sie in die Wüstenerde können, wie man organischen Dünger herstellt, wie man die Pflanzen richtig pflegt und – ganz wichtig – wie die Tröpfchenbewässerung funktioniert. Denn so viel Sand es in der Wüste gibt, so wenig Wasser gibt es.

 

Erdnuss-Ernte: Taya ub Mazou hat der Wüste Lebensmittel abgerungen. Foto: LWB/C. Kästner
Erdnuss-Ernte: Taya ub Mazou hat der Wüste Lebensmittel abgerungen. Foto: LWB/C. Kästner

 

Auf Theorie folgte Praxis. Wie ein Wunder erschien es den neuen Kleinbauern, als die Pflanzen tatsächlich wuchsen. „Der Umfang unserer ersten Ernte hat mich erstaunt“, erzählt Taya ub Mazou. „Mich hat es mit Stolz erfüllt, als ich zum ersten Mal anderen etwas von den Früchten meines Gartens abgeben konnte.“

Es ist nicht leicht, Pflanzen in der Wüste wachsen zu lassen, berichtet LWB-Mitarbeiter Papa Diallo. Eine angepasste Technik, passendes Saatgut und viel Erfahrung braucht man, damit Sandstürme oder plötzliche Regenfälle nicht alles zunichtemachen. Diese Erfahrung geben die 200 Kleinbauern nun als Multiplikatoren an andere Familien weiter – insgesamt an 5.000 Menschen.

 

Kontrast zum grünen Gemüse: Das Lager Mberra mitten in der Wüste Mauretaniens. Foto: LWB/C. Kästner
Kontrast zum grünen Gemüse: Das Lager Mberra mitten in der Wüste Mauretaniens. Foto: LWB/C. Kästner

 

Forach ist inzwischen geübt im Anbau von Erdnüssen und Melonen mit der Tröpfchenbewässerung. Zuhause in Mali lagen seine Felder direkt am Flussufer. Wasser war dort kein Problem. Doch der Fluss wurde 2012 zur Todesfalle, als die Kämpfe in Mali ausbrachen. „Die Milizen kamen oft mit dem Boot und griffen die Dörfer vom Fluss an. Es war nicht mehr sicher dort. Ich musste meinen Garten und meine Tiere zurücklassen und bin als Flüchtling hierhergekommen.“ Dennoch hofft Forach, irgendwann in seine Heimat zurück zu können. „Ich habe Pläne, mein Leben in Mali wiederaufzubauen. Ich bin Bauer. Ich will nichts anderes machen!“

 

Der LWB in Mauretanien

  • Über 50.000 Flüchtlinge leben in Mberra. Allein im Januar 2018 kamen 1.187 Menschen aus Mali in das Lager. Sie fliehen aus Angst vor Gewalt, Kidnapping und Gruppen-Erschießungen.
  • 2.100 Kalorien pro Tag umfasst eine Standardration des Welternährungsprogramms. 2017 waren die Rationen jeden Monat um zehn bis fünfzig Prozent gekürzt.
  • Der LWB leitet seit 2015 das Lager mitten in der Wüste. Von der Hauptstadt Nouakchott liegt es zwei Tage Fahrt entfernt. Zur malischen Grenze sind es 60 Kilometer.